Nebel liegt auf dem Weg....
Es ist schon fast völlig Dunkel, als ich am See ankomme. Geplant ist, eine Runde um ihn herum zu gehen. Nicht laufen. Aber auch nicht trödeln. Einfach gehen.
Die Nacht fühlt sich kühl an. Auch wenn das Thermomenter noch immer 18 °C vermeldet, fröstel ich noch ein wenig. Es zieht Nebel auf, Myriaden von winzigen Tropfen legen sich über meine Arme.
Über mir der Mond. Groß und nah, teilweise verdeckt von Wolkenfetzen, die wie in einem irren Tanz an ihm vorbeiziehen, ihn aber nie ganz meinem Blick offenbaren. Als wäre er schüchtern. Es ist noch nicht der Mond, der das Ende des Jahres bedeutet. Es ist der Dämonenmond. Seine Farbe ist blutrot. Obwohl nur eine optische Täuschung ist es doch beeindruckend. Wir machen ihn für so viel in unserem Leben verantwortlich, als sei er mehr als ein physikalisch erklärbarer Himmelskörper, der Ebbe und Flut beeinflußt. Und vielleicht ist er das...
Mein Kopf ist seltsam klar. Ich weiss, dass sich das noch ändern wird, dass die Gedanken kommen werden, aber ich genieße diesen Moment. Meine Füße tragen mich vorwärts.
Eines der ersten Lieder, die mein iPod wählt ist "Innocent" von Mike Oldfield. Ein guter Start in die Welt der Gedanken. Innocent - Unschuld. Nichts verlieren wir leichter, nichts verlieren wir öfter, nichts verlieren wir nachhaltiger.
Klar, da ist die Unschuld in der Liebe, doch das ist nicht alles. Es gibt auch eine Unschuld auf der dunklen Seite. Eine Unschuld, die uns verändert, wenn wir sie verlieren. Wir merken es nicht direkt, aber es hat Einfluß auf uns - ob wir wollen oder nicht.
Einen Teil dieser Unschuld habe ich verloren, als ich das erste Mal gestohlen habe. Nichts großes, ich glaube ein Päckchen Kaugummi in einem Supermarkt. Ein Psychologe möge jetzt analysieren, dass ich erwischt werden wollte, dass ich Aufmerksamkeit wollte. Die Wahrheit ist viel unspektakulärer: Ich mochte den Nervenkitzel, das Messen mit den Hütern der Waren. Wer war besser? Sie mit all ihren Hilfsmitteln oder ich?
Einen anderen Teil meiner Unschuld habe ich mit Tine verloren. Es war nicht erwartet, es war nicht gewollt, es war gleichwohl gut. Keine Frage. Ein schöner Moment des Unschuldsverlustes. Des Verlustes einer Unschuld, die ich nicht mehr hatte.
Denn meine Unschuld verlor ich, als der erste Mensch durch mich und wegen mir gestorben ist. Nicht, dass ich aktiv was dazu hätte tun müssen, nein, meine Existenz reichte aus dazu. Ein klügerer Mensch als ich würde sagen, dass ich keine Schuld trage. Und doch gibt es immer zwei Sorten von Schuld: die Objektive und die Subjektive. Objektiv war ich nicht schuld, hätte es niemals verhindern können und doch: subjektiv bin ich schuld, denn wäre ich nicht gewesen, nicht an diesem Tage, nicht an diesem Orte, dann würde sie noch leben. Ich habe sie getötet.
Damals war ich im Rettungsdienst. Ich wollte immer Menschen helfen, ich konnte nie zusehen, wie jemand leidet. Danach habe ich damit aufgehört, zumindest beim Roten Kreuz. Es erschien mir alles so sinnlos. Was nutzt es, den Menschen zu helfen, kleine Verletzungen zu behandeln, wenn ich auf andere Weise den Tod bringe?
Irgendwann, Äonen später, bist Du dann in mein Leben gekomme. In ein Leben, das geprägt war davon, Menschen zu Puppen zu machen, mich mit ihnen zu messen, sie zu besiegen, sie zu demütigen. Du warst fremd, Du warst anders, Du warst einfach... Du. Ich habe mich in Dich verliebt.
Irgendwann warst Du Teil meines Lebens. Du hast mich geprägt, mich aus einer Phase geholt, die mich unweigerlich an den Rand der Existenz geführt hätte. Vielleicht in den Knast, vielleicht in den Tod, wer weiß das schon. Du hast mich gerettet.
Es gab nie Gelegenheit Dir dafür zu danken, was Du aus mir gemacht hast. Das ist es, wo ich jetzt drüber nachdenke, während ich hier lang laufe. Wir hatten unsere Zeit. Doch da war ein Haken an der Sache, oder? Ein gewaltiger Haken an der Sache, oder?
Erinnerst Du Dich an die junge Frau im Straßengraben? Wie wir sie damals gefunden haben? Du bist die Landstraße lang gefahren, ich war Dein Beifahrer. Hattest Du den Starlet noch? Ich glaube. Ich habe sie gesehen, nur aus dem Augenwinkel. Es hat fast einen Kilometer gedauert, bis ich begriffen habe, was ich gesehen habe, als Du auf meine Bitte hin umgedreht hast, wußte ich noch nicht mal genau, was ich da gesehen habe.
Langes Training. Zu sehen, was andere nicht sehen, zu merken, was andere nicht merken. Viel zu vergessen aber noch mehr zu erinnern. Damals hat es ein Leben gerettet. Wir haben es zusammen gerettet, Du und ich. Erinnerst Du Dich an den Arzt? Die beiden Frauen und die Sache mit den Kindern?
Menschen retten... irgendwie begleitet mich das durch mein Leben. Der Versuch, Menschen glücklich zu machen. Hat nicht geklappt, oder? Ich habe Dich nicht glücklich gemacht, oder? Dabei war das eigentlich alles, was ich wollte. Dich glücklich.
Weißt Du noch, damals im Krankenhaus? Die Diagnose? Krebs. Keine Sekunde des Zweifels, ich hätte mein Leben sofort gegeben für Deines. Es geht natürlich nicht, sowas ist romantischer Unsinn und ich bin froh, dass es auch niemals notwendig war...
Du hast mir mal vorgeworfen, ich hätte nie mit Dir über Deine Angst gesprochen. Nach den Operationen. Nachdem alles vorbei war. Und es stimmt, wir haben nie darüber gesprochen. Vielleicht, weil es vorbei war, weil Du gesund warst, weil ich es nicht konnte. Ich war so hilflos. Ich kann Blutungen stoppen, ich kann Knochenbrüche fixieren, ich kann Verbrennungen versorgen, aber bei Dir... da war ich nur Zuschauer. Hilflos. ICH KONNTE DIR NICHT HELFEN
Ich laufe weiter. Zwischendurch nutze ich immer wieder die Maglite. Nicht, weil ich das Licht bräuchte - meine Augen sind gut wie eh und je. Ich kann noch immer den Fröschen und Schnecken ausweichen. Nein, ich nutze sie, weil es mir gefällt, wie sich das Licht im Nebel verliert. Wie der scharf gebündelte Lichtstrahl nach wenigen Metern in einem nebligen Nichts verschwindet. Zombie-Wetter.
Es ist witzig. Irgendwie hat mein iPod wirklich eine Wahrnehmung. Es kann doch kein Zufall sein, dass eines der Lieder heute abend "Do You See The Light" von Snap ist?
Oh... Licht sehen. Licht am Ende des Tunnels.... bin ich in einem Tunnel? Auf dem Weg? Nicht wirklich, denn über mir ist der Himmel. Schwarz und Dunkel und Unendlich. Und irgendwo da oben im Universum oder dahinter sitzt ein Gott - egal welchen Namen sie hat - und schaut auf mich herab. Ich kann die Gedanken hören:
Don't blame it on me, Kleiner. Ich bin nicht schuld an Deinem Leben und das weißt Du. Du hast Dich da hinein bekommen, also sieh zu, dass Du Deinen Arsch da auch wieder heraus bekommst. Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott! Und Du brauchst gar nicht überlegen, den Notausgang aus dem Leben zu suchen. Nicht nochmal, es wäre genau so wirkungslos, sinnlos. Deine Zeit hier ist noch nicht um.
Ich liebe Dich. Ich liebte Dich. Und ich werde Dich immer lieben, dass weißt Du. Und ich höre Jason Danovan. Er singt von Liebe, die er versendet. In einem Brief jeden Tag, "sealed with a kiss". Aber Dein Teil meines Lebens hat geendet. So traurig das ist.
Ein anderes Wer. Ein anderes Wann. Heute. Hier. Jetzt. Nicht mehr sie, jetzt Du.
Wenn ich in einem Tunnel bin, dann bewege ich mich durch ihn hindurch. Ich bin nicht stehen geblieben, ich bin immer vorwärts gegangen, meine Natur erlaubt es mir nicht anders. Es ist das ewige Spiel von Leben und Tod. Nur im Tod bleibe ich stehen. So lange ich lebe, bewege ich mich. Und wenn ich mich bewege, dann in Richtung des Lichts. Ich bin ein Wesen des Lichts, gemacht für das Licht. Vorwärts. Immer Vorwärts, auf das Licht zu.
Das schöne an einem Licht am Ende des Tunnels ist, dass dort jemand stehen kann. So jemand wie Du, der mich heute aufrecht hält, jemand wie Du, für den es sich lohnt weiter zu machen. Jemand wie Du, der mir Kraft gibt. Der dem Leben einen Sinn gibt. Für dessen Lächeln ich sterben könnte. Hast Du heute an mich gedacht und dabei gelächelt? Ich hoffe es. Sehr.
Ich bin fast rum um den See. Der Wald vor mir öffnet sich und ich habe eine atemberaubende Sicht auf den See. Wie ein schwarzer Spiegel liegt er da, völlig ruhig. Neben mir im Feld wabert Bodennebel, aber der See ist frei. Die Wolken sind fort, der Mond steht groß am Himmel und schaut mit seiner Dämonenfratze auf mich hinab.
1978, nicht lange nach meiner Geburt schrieb Stephen King in einem kaum bekannten Buch einen Satz. Es war der erste Satz des Buches:
The Man in Black fled across the desert and the Gunslinger followed
Ich bin beide und ich bin keiner. ich bin der Mann in Schwarz, der durch eine Wüste flieht, die mal das war, was man seine Gefühlswelt oder seine Seele nennen könnte. Und ich bin der Revolvermann, der ihm folgt, der ihn einholen wird. Nicht um ihn zu töten, sondern um ihn zu verstehen. So werde ich mich selbst einholen, mich selbst verstehen.
An Dich denke ich. An Deine Freundschaft, die mir unendlich viel bedeutet. An Deine Angst, die Du vor mir hast, die zum Teil sogar begründet sein mag. Die aber nicht gegen Dich gerichtet ist. Es ist Angst, die ich vor mir selber habe. Ich möchte nicht mehr der Mensch sein, der ich einmal war. Ich möchte der Mensch sein, der Dich glücklich macht.
Nicht als Ersatz. Nicht, weil ich denke "Hey, es hat einmal nicht geklappt, irgendwann muss es ja mal klappen". Nein. Ich möchte Dich glücklich wissen, weil ich nicht möchte, dass Du irgendwann durch eine Wüste gehst.
Und hoffentlich werde ich eines Tages hier sitzen, am Ende meines Lebens und auf ein Leben zurückblicken können, in dem ich mehr Menschen glücklich als unglücklich gemacht habe. Und ganz besonders Dich. Auf eine andere Art. Auf eine sehr viel persönlichere Weise. Und wenn ich weiss, dass Du glücklich bist. Dann bin ich am Ziel. Irgendwann.
Die Nacht fühlt sich kühl an. Auch wenn das Thermomenter noch immer 18 °C vermeldet, fröstel ich noch ein wenig. Es zieht Nebel auf, Myriaden von winzigen Tropfen legen sich über meine Arme.
Über mir der Mond. Groß und nah, teilweise verdeckt von Wolkenfetzen, die wie in einem irren Tanz an ihm vorbeiziehen, ihn aber nie ganz meinem Blick offenbaren. Als wäre er schüchtern. Es ist noch nicht der Mond, der das Ende des Jahres bedeutet. Es ist der Dämonenmond. Seine Farbe ist blutrot. Obwohl nur eine optische Täuschung ist es doch beeindruckend. Wir machen ihn für so viel in unserem Leben verantwortlich, als sei er mehr als ein physikalisch erklärbarer Himmelskörper, der Ebbe und Flut beeinflußt. Und vielleicht ist er das...
Mein Kopf ist seltsam klar. Ich weiss, dass sich das noch ändern wird, dass die Gedanken kommen werden, aber ich genieße diesen Moment. Meine Füße tragen mich vorwärts.
Eines der ersten Lieder, die mein iPod wählt ist "Innocent" von Mike Oldfield. Ein guter Start in die Welt der Gedanken. Innocent - Unschuld. Nichts verlieren wir leichter, nichts verlieren wir öfter, nichts verlieren wir nachhaltiger.
Klar, da ist die Unschuld in der Liebe, doch das ist nicht alles. Es gibt auch eine Unschuld auf der dunklen Seite. Eine Unschuld, die uns verändert, wenn wir sie verlieren. Wir merken es nicht direkt, aber es hat Einfluß auf uns - ob wir wollen oder nicht.
Einen Teil dieser Unschuld habe ich verloren, als ich das erste Mal gestohlen habe. Nichts großes, ich glaube ein Päckchen Kaugummi in einem Supermarkt. Ein Psychologe möge jetzt analysieren, dass ich erwischt werden wollte, dass ich Aufmerksamkeit wollte. Die Wahrheit ist viel unspektakulärer: Ich mochte den Nervenkitzel, das Messen mit den Hütern der Waren. Wer war besser? Sie mit all ihren Hilfsmitteln oder ich?
Einen anderen Teil meiner Unschuld habe ich mit Tine verloren. Es war nicht erwartet, es war nicht gewollt, es war gleichwohl gut. Keine Frage. Ein schöner Moment des Unschuldsverlustes. Des Verlustes einer Unschuld, die ich nicht mehr hatte.
Denn meine Unschuld verlor ich, als der erste Mensch durch mich und wegen mir gestorben ist. Nicht, dass ich aktiv was dazu hätte tun müssen, nein, meine Existenz reichte aus dazu. Ein klügerer Mensch als ich würde sagen, dass ich keine Schuld trage. Und doch gibt es immer zwei Sorten von Schuld: die Objektive und die Subjektive. Objektiv war ich nicht schuld, hätte es niemals verhindern können und doch: subjektiv bin ich schuld, denn wäre ich nicht gewesen, nicht an diesem Tage, nicht an diesem Orte, dann würde sie noch leben. Ich habe sie getötet.
Damals war ich im Rettungsdienst. Ich wollte immer Menschen helfen, ich konnte nie zusehen, wie jemand leidet. Danach habe ich damit aufgehört, zumindest beim Roten Kreuz. Es erschien mir alles so sinnlos. Was nutzt es, den Menschen zu helfen, kleine Verletzungen zu behandeln, wenn ich auf andere Weise den Tod bringe?
Irgendwann, Äonen später, bist Du dann in mein Leben gekomme. In ein Leben, das geprägt war davon, Menschen zu Puppen zu machen, mich mit ihnen zu messen, sie zu besiegen, sie zu demütigen. Du warst fremd, Du warst anders, Du warst einfach... Du. Ich habe mich in Dich verliebt.
Irgendwann warst Du Teil meines Lebens. Du hast mich geprägt, mich aus einer Phase geholt, die mich unweigerlich an den Rand der Existenz geführt hätte. Vielleicht in den Knast, vielleicht in den Tod, wer weiß das schon. Du hast mich gerettet.
Es gab nie Gelegenheit Dir dafür zu danken, was Du aus mir gemacht hast. Das ist es, wo ich jetzt drüber nachdenke, während ich hier lang laufe. Wir hatten unsere Zeit. Doch da war ein Haken an der Sache, oder? Ein gewaltiger Haken an der Sache, oder?
Erinnerst Du Dich an die junge Frau im Straßengraben? Wie wir sie damals gefunden haben? Du bist die Landstraße lang gefahren, ich war Dein Beifahrer. Hattest Du den Starlet noch? Ich glaube. Ich habe sie gesehen, nur aus dem Augenwinkel. Es hat fast einen Kilometer gedauert, bis ich begriffen habe, was ich gesehen habe, als Du auf meine Bitte hin umgedreht hast, wußte ich noch nicht mal genau, was ich da gesehen habe.
Langes Training. Zu sehen, was andere nicht sehen, zu merken, was andere nicht merken. Viel zu vergessen aber noch mehr zu erinnern. Damals hat es ein Leben gerettet. Wir haben es zusammen gerettet, Du und ich. Erinnerst Du Dich an den Arzt? Die beiden Frauen und die Sache mit den Kindern?
Menschen retten... irgendwie begleitet mich das durch mein Leben. Der Versuch, Menschen glücklich zu machen. Hat nicht geklappt, oder? Ich habe Dich nicht glücklich gemacht, oder? Dabei war das eigentlich alles, was ich wollte. Dich glücklich.
Weißt Du noch, damals im Krankenhaus? Die Diagnose? Krebs. Keine Sekunde des Zweifels, ich hätte mein Leben sofort gegeben für Deines. Es geht natürlich nicht, sowas ist romantischer Unsinn und ich bin froh, dass es auch niemals notwendig war...
Du hast mir mal vorgeworfen, ich hätte nie mit Dir über Deine Angst gesprochen. Nach den Operationen. Nachdem alles vorbei war. Und es stimmt, wir haben nie darüber gesprochen. Vielleicht, weil es vorbei war, weil Du gesund warst, weil ich es nicht konnte. Ich war so hilflos. Ich kann Blutungen stoppen, ich kann Knochenbrüche fixieren, ich kann Verbrennungen versorgen, aber bei Dir... da war ich nur Zuschauer. Hilflos. ICH KONNTE DIR NICHT HELFEN
Ich laufe weiter. Zwischendurch nutze ich immer wieder die Maglite. Nicht, weil ich das Licht bräuchte - meine Augen sind gut wie eh und je. Ich kann noch immer den Fröschen und Schnecken ausweichen. Nein, ich nutze sie, weil es mir gefällt, wie sich das Licht im Nebel verliert. Wie der scharf gebündelte Lichtstrahl nach wenigen Metern in einem nebligen Nichts verschwindet. Zombie-Wetter.
Es ist witzig. Irgendwie hat mein iPod wirklich eine Wahrnehmung. Es kann doch kein Zufall sein, dass eines der Lieder heute abend "Do You See The Light" von Snap ist?
Oh... Licht sehen. Licht am Ende des Tunnels.... bin ich in einem Tunnel? Auf dem Weg? Nicht wirklich, denn über mir ist der Himmel. Schwarz und Dunkel und Unendlich. Und irgendwo da oben im Universum oder dahinter sitzt ein Gott - egal welchen Namen sie hat - und schaut auf mich herab. Ich kann die Gedanken hören:
Don't blame it on me, Kleiner. Ich bin nicht schuld an Deinem Leben und das weißt Du. Du hast Dich da hinein bekommen, also sieh zu, dass Du Deinen Arsch da auch wieder heraus bekommst. Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott! Und Du brauchst gar nicht überlegen, den Notausgang aus dem Leben zu suchen. Nicht nochmal, es wäre genau so wirkungslos, sinnlos. Deine Zeit hier ist noch nicht um.
Ich liebe Dich. Ich liebte Dich. Und ich werde Dich immer lieben, dass weißt Du. Und ich höre Jason Danovan. Er singt von Liebe, die er versendet. In einem Brief jeden Tag, "sealed with a kiss". Aber Dein Teil meines Lebens hat geendet. So traurig das ist.
Ein anderes Wer. Ein anderes Wann. Heute. Hier. Jetzt. Nicht mehr sie, jetzt Du.
Wenn ich in einem Tunnel bin, dann bewege ich mich durch ihn hindurch. Ich bin nicht stehen geblieben, ich bin immer vorwärts gegangen, meine Natur erlaubt es mir nicht anders. Es ist das ewige Spiel von Leben und Tod. Nur im Tod bleibe ich stehen. So lange ich lebe, bewege ich mich. Und wenn ich mich bewege, dann in Richtung des Lichts. Ich bin ein Wesen des Lichts, gemacht für das Licht. Vorwärts. Immer Vorwärts, auf das Licht zu.
Das schöne an einem Licht am Ende des Tunnels ist, dass dort jemand stehen kann. So jemand wie Du, der mich heute aufrecht hält, jemand wie Du, für den es sich lohnt weiter zu machen. Jemand wie Du, der mir Kraft gibt. Der dem Leben einen Sinn gibt. Für dessen Lächeln ich sterben könnte. Hast Du heute an mich gedacht und dabei gelächelt? Ich hoffe es. Sehr.
Ich bin fast rum um den See. Der Wald vor mir öffnet sich und ich habe eine atemberaubende Sicht auf den See. Wie ein schwarzer Spiegel liegt er da, völlig ruhig. Neben mir im Feld wabert Bodennebel, aber der See ist frei. Die Wolken sind fort, der Mond steht groß am Himmel und schaut mit seiner Dämonenfratze auf mich hinab.
1978, nicht lange nach meiner Geburt schrieb Stephen King in einem kaum bekannten Buch einen Satz. Es war der erste Satz des Buches:
The Man in Black fled across the desert and the Gunslinger followed
Ich bin beide und ich bin keiner. ich bin der Mann in Schwarz, der durch eine Wüste flieht, die mal das war, was man seine Gefühlswelt oder seine Seele nennen könnte. Und ich bin der Revolvermann, der ihm folgt, der ihn einholen wird. Nicht um ihn zu töten, sondern um ihn zu verstehen. So werde ich mich selbst einholen, mich selbst verstehen.
An Dich denke ich. An Deine Freundschaft, die mir unendlich viel bedeutet. An Deine Angst, die Du vor mir hast, die zum Teil sogar begründet sein mag. Die aber nicht gegen Dich gerichtet ist. Es ist Angst, die ich vor mir selber habe. Ich möchte nicht mehr der Mensch sein, der ich einmal war. Ich möchte der Mensch sein, der Dich glücklich macht.
Nicht als Ersatz. Nicht, weil ich denke "Hey, es hat einmal nicht geklappt, irgendwann muss es ja mal klappen". Nein. Ich möchte Dich glücklich wissen, weil ich nicht möchte, dass Du irgendwann durch eine Wüste gehst.
Und hoffentlich werde ich eines Tages hier sitzen, am Ende meines Lebens und auf ein Leben zurückblicken können, in dem ich mehr Menschen glücklich als unglücklich gemacht habe. Und ganz besonders Dich. Auf eine andere Art. Auf eine sehr viel persönlichere Weise. Und wenn ich weiss, dass Du glücklich bist. Dann bin ich am Ziel. Irgendwann.
unkreativ.net - 23. Aug, 00:05

