Das Äquivalent von mehr als 200 gut trainierten Rennpferden zieht mehr als 4700mm Stahl, Alu, Leder und Verbundstoffen hinter sich her, als würde es die mehr als 1500kg gar nicht spüren. Der Tempomat hält die Tachonadel bei 210km/h festgenagelt, der Drehzahlmesser liegt ruhig bei etwas über 4000 Umdrehungen in der Minute. Sanfte Musik aus 12 Lautsprechern streichelt die Seele.
Die wenigen Autos, an denen das Völvchen vorbeirast, nehmen erst 4 Lichtpunkte im Rückspiegel war, die schnell näher kommen, dann ein langer Schatten der vorbei rast und letztlich 4 rote Augen, die aus dem Dunkel zurück blicken.
Im Inneren des Völvchen, auf den schweren Ledersitzen, gewärmt von der Sitzheizung, in angenehm klimatisierter Umgebung sitzen wir und unterhalten uns. Auf dem Weg zu mir, mitten in der Nacht.
Sie hatte Geburtstag, und wir waren "feiern". In einem sehr ruhigen, sehr feinen Restaurant im
Schlosshotel Hugenpoet bei Essen. Wir sind beide perfekt angezogen: sie in einer wunderschönen Kombination, ich in einem dezenten Anzug.
Als wir ankommen, wird der Wagen eingeparkt. Da es schon dunkel ist, gehen wir über eine mit Fackeln beleuchtete Brücke in das Schloss. Sofort umgeben von dienstbaren Geistern, die wissen wer ich bin und was ich möchte.
Wir werden von der Rezeption zum Restaurant begleitet. Auf dem Weg flüstert mir die Dame zu, dass meine Bestellung ausgeführt wurde und ob sie sie an den Tisch bringen soll. Ich nicke kaum sichtbar.
Sie übergibt uns an den Maître, der uns zu unserem Tisch begleitet. Zwei weitere dienstbare Geister, ein brünetter und ein blonder Engel, stehen schon bereit, um die Stühle zu richten. Der Maître bietet ein Glas Champagner an, dass der blonde Engel aus einer wunderschönen klassischen Champagner-Flasche serviert. Sie ist überrascht und erfreut, dass mir der Unterschied zwischen den stil-losen Sektflaschen von heute und "echten" Champagner-Flaschen bekannt ist.
Meine Begleitung fühlt sich wohl. Und den ganzen Abend über funkeln ihre Augen mich an.
Ein weiterer Engel des Schlosses kommt an den Tisch und verändert die Dekoration. Die von mir bestellten Blumen werden dekoriert, eine schöne große Kerze spendet Licht, da das indirekte Licht des Restaurants bewußt niedrig gehalten wird.
Es kommen Canapés, Finger-Food wie manche sagen würden. Herrliche Kompositionen. Wir bekommen die Speisekarte.
Meine Begleitung wählt Zweierlei vom Perlhuhn aus der Bresse mit Maronenröhrlingen in Sherryrahm und cremiger Polenta, während ich mich für das Kaninchen mit Zimt geschmort mit marinierten Cannelli- Bohnen entscheide. Als Vorspeise bekommen wir Steinbutt in einer Form, wie ich ihn bisher noch nicht kannte. Er paßt zu dem Lachs aus den Canapés, ist aber nicht so intensiv wie dieser.
Es wird Brot mit 4 verschiedenen Salzen, davon 3 spezielle Kräutersalze aus Mallorca gereicht.
Der Hauptgang wird serviert, die beiden Engel für unseren Tisch sorgen dafür, dass unsere Gläser nicht leer werden, dass nie zu viel und nie zu wenig auf dem Tisch steht. Sie sind unaufdringlich im Hintergrund und lesen doch jeden Wunsch von den Augen. Es ist nicht nötig, mehr als ein leises "Danke" zu murmeln. Selten so perfekt harmonisierendes Personal gesehen.
Nach dem Essen lehnen wir uns zurück, ich trinke einen Kaffee. Wir geniessen die Atmosphäre und unterhalten uns anders als sonst. Wir benutzen weniger Worte, weil ohnehin großes Einverständnis herrscht.
Als Dessert wälen wir beide Mousse von Earl Grey im Baumkuchenmantel mit Ingweräpfelchen und Apfelsorbet. Ein Gedicht. Dazu Tee, der aus wunderschönen kleinen Silberkannen serviert wird. Natürlich Earl Grey.
Und kaum, dass wir damit fertig sind, kommt einer der Engel mit einem Pralinenwagen. Ich entscheide mich für einen Trüffel mit weisser Schokolade und Rosenwasser, meine Begleitung nimmt Marzipan-Pistazie, einen weiteren und auch den weissen Trüffel, den wir schließlich gemeinsam essen. Sie nimmt einen englischen Tee dazu, ich einen Assam.
Der Maître kommt zu uns an den Tisch. In den Händen eine Aufmerksamkeit des Hauses, eine Torte. Er sieht uns an, dass das nun wirklich nicht auch noch geht und bietet an, sie zu verpacken und stellt sie, wie er sagt "auf den Gabentisch", auf dem auch die Blumen stehen.
Nach 6 Stunden neigt sich der Abend dem Ende. Ich entschuldige mich und gehe an die Rezeption, weil ich dort ungesehen bezahlen kann. Die Blumen und das Essen waren jeden Euro wert. Die Dame am Desk gibt sich als die Mitarbeiterin zu erkennen, mit der ich Montag Nacht(!) alles wesentliche per eMail abgesprochen habe, und die sich auch amüsiert zu einer Bestellbestätigung hat verleiten lassen: "Sehr geerhter Herrr M., gerne haben wir Ihnen einen schönen bunten Strauss, [...], für eine noch schönere Dame bestellt. Ist alles bereits erledigt und Sie können sich den Strauss morgen dann am Empfang abholen." Als sie die Rechnung in ein Cuvert packt, sagt sie beiläufig, dass ich nicht übertrieben hätte und das sie sich gefreut hat, mir einen Gefallen erweisen zu können.
Ich hole meine Begleitung im Restaurant ab, die Torte und die Blumen werden an den Empfang gebracht, ich bestehe darauf, ihr selber in den Mantel zu helfen. Man öffnet uns die Türen und spricht sein Bedauern darüber aus, dass wir nicht über Nacht bleiben können - Termine bei mir sprechen dagegen.
Wir gehen über die Brücke. Mein Auto steht als erstes in der Reihe, wir steigen ein und ich wähle schöne, ruhige Musik. Dann verlassen wir langsam die Auffahrt des Schlosses. Still und stumm und doch elegant und ehrgebietig steht es da.
Die Landstraße schlängelt sich einige Kilometer über Land und schliesslich kommen wir an die Autobahn, die uns zu mir führen wird. Wo wir einen Apfel-Vanille-Tee trinken, kuschelnd und redend auf dem Sofa. Und um 2 wird der Abend enden, weil ich Donnerstag erst einen Termin habe und abends eine Klausur schreiben werde.
Doch bis wir den Tee bekommen, liegen noch ein paar Kilometer Autobahn vor uns. Und so passiert, was ich schon beschrieben habe:
Das Äquivalent von mehr als 200 gut trainierten Rennpferden zieht mehr als 4700mm Stahl, Alu, Leder und Verbundstoffen hinter sich her, als würde es die mehr als 1500kg gar nicht spüren. Der Tempomat hält die Tachonadel bei 210km/h festgenagelt, der Drehzahlmesser liegt ruhig bei etwas über 4000 Umdrehungen in der Minute. Sanfte Musik aus 12 Lautsprechern streichelt die Seele.
Die wenigen Autos, an denen das Völvchen vorbeirast, nehmen erst 4 Lichtpunkte im Rückspiegel war, die schnell näher kommen, dann ein langer Schatten der vorbei rast und letztlich 4 rote Augen, die aus dem Dunkel zurück blicken.
Ich wünschte, sie hätte öfter Geburtstag.
Aber bald ist ja Weihnachten.